Wer gern Architektur fotografiert steht oftmals vor dem Problem, dass 24mm Brennweite nicht reichen – auch 15 oder 16 mm reichen nicht immer, um ein Gebäude komplett abzulichten. Nicht immer hat man die Möglichkeit die fehlende Brennweite durch Änderung des Standortes auszugleichen.

Man neigt dann dazu die Kamera einfach etwas nach oben zu kippen. Dies wiederum führt zu „stürzenden Linien“ – das Gebäude scheint dann auf dem Foto nach hinten zu kippen.

Stürzende Linien kann man zwar mittels Software gut korrigieren, man verliert aber durch die Korrektur was vom Bild. Meist hilft diese nachträgliche Korrektur nur, wenn man genug „Puffer“ am Bild hat. Im Prinzip also das gleiche Ergebnis, als wenn man gleich gerade fotografiert hättte – man gewinnt dadurch keine Inhalte im Bild. Ideal ist also, wenn man gleich möglichst gerade fotografiert und nur noch kleine Anpassungen vornehmen muss – auch hier würde ich wenn möglich immer einen “Puffer” mit einrechnen.

Beispiele

Ich habe hier mal ein sehr altes Foto rausgesucht, dass diese stürzenden Linien hat, weil ich die Kamera nach oben geschwenkt habe. Ich habe dieses dann nachträglich mit Lightroom grob korrigiert. Einmal unter Beibehaltung des Bildformats und einmal mit freiem Ausschnitt.

Originalbild

Ausgerichtet ohne die Proportionen zu ändern

Ausgerichtet und Proportionen frei angepasst

Tilt Shift Objketiv

Häufig lese ich in diesem Zusammenhang, dass es mit einem Tilt Shift Objektiv per se keine stürzenden Linien mehr gibt. Diese Aussage ist pauschal aus meiner Sicht falsch, denn ich kann mit einem Tilt Shift Objektiv problemlos auch stürzende Linien erzeugen, ich habe aber mehr Möglichkeiten diese zu vermeiden.

Alternativ kann ich mir ein Objektiv mit maximalen Weitwinkel kaufen, meist sind das 12-24mm Zoom oder z.B. 8-16 bei APS-C. Canon bietet noch das 11-24, zudem gibt es natürlich Festbrennweiten wie das Irix 11mm.

Auf die Vor- und Nachteile gehe ich später weiter ein.

Tilt Shift Objketiv – was ist das eigentlich?

Wie der Name schon sagt, bietet das Objektiv eine Tilt-Funktion und eine Shift-Funktion. Die Tilt Funktion dient zur Verschiebung der Schärfenebene und man sieht das oftmals als „Miniaturisierungseffekten“ auf Fotos. Zudem wird die Tilt Funktion in der Produktfotografie oder auch als Gestaltungselement bei Portraits eingesetzt. Auf diese Funktion möchte ich aber gar nicht tiefer eingehen.

Für die Architekturfotografie und gegen stürzende Linie ist die Shift Funktion interessant.

Wie geht das konkret?

Zunächst ist zum Beispiel ein TS-E 17 ein manuelles 17mm Objektiv. Normalerweise hätte man hier das gleiche Problem mit stürzenden Linien, wie an jedem anderen Objektiv, wenn man es nicht gerade ausrichtet.

Der Vorteil ist jedoch, dass das 17mm Objektiv einen Bildkreis von rund 11mm abdeckt, somit hat man viel mehr Möglichkeiten Motive ganz auf das Bild zu bekommen, als mit einem normalen 17mm Objektiv.

Dies kommt dadurch, das man einen Teil des Objektivs mit einer Schraube bzw. Drehrad nach oben oder unten bewegen kann, während die Kamera und der Sensor in unveränderter Position bleiben. Man gewinnt also nach oben Bildanteile wenn man nach oben stiftet und verliert etwas vom unteren Bereich und umgekehrt.

Im Gegensatz zu einem „normalen“ Objektiv, dass ich nach oben schwenken muss um ein Gebäude ganz auf das Bild zu bekommen und somit stürzende Linien produzieren, drehe ich hier einfach das Objektiv nach oben, ohne die Bildachse zu ändern. Irgendwann ist da natürlich auch Schluss, aber der Bildkreis von ca. 11mm bietet viel Raum.

Zudem bietet sich die Möglichkeit drei Aufnahmen zu machen, also eine mit Shift nach unten eine in Mittelposition und eine mit Shift nach oben, um diese dann später in Photoshop oder anderen Programmen zusammenzusetzen.

Was sind die Nachteile?

Tilt Shift Objektive sind grundsätzlich ohne Autofokus und müssen daher manuell fokussiert werden.

Zudem sollte man auch die Belichtung manuell wählen, denn mit dem Shiften funktioniert die automatische Messung meist nicht korrekt, daher sollte man die einmal ohne Shift messen und dann die Werte manuell einstellen.

An einer DSLR kann man ein Tilt Shift Objektiv eigentlich nur mit Stativ gut einsetzen, sonst ist fokussieren und ausrichten sehr mühsam.

An einer spiegellosen Kamera hingegen setze ich es oftmals ohne Stativ ein, da die Kamera zwei entscheidende Vorteile bietet: Ich kann per Lupe und Focus Peaking durch den Sucher bereits sehr gut fokussieren und ich habe im Sucher eine Wasserwaage, oftmals sogar in 3D.

Ein Tilt Shift Objektiv ist aber generell eher nichts, um einen schnellen Schnappschuss zu machen, dass sollte einem bewusst sein.

Warum nimmt man nicht gleich ein UWW mit 11mm oder 12mm

Das ist natürlich eine Alternative, zumal diese Objektive oftmals als Zoom – meist von 12-24 oder bei Canon auch 11-24 – und mit Autofokus erhältlich sind.

Auf den ersten Blick natürlich wesentlich komfortabler und flexibler als ein Tilt Shift Objektiv, was auch sicher oftmals den Einsatz sinnvoll macht.

Einen entscheidenen Vorteil hat ein Tilt Shift für mich aber: Ich kann das Foto bereits bei der Aufnahme „gestalten“ und habe weniger überflüssige Inhalte auf dem Foto.

Beispiel: Wenn ich ein hohes Gebäude fotografiere, brauche ich viel Weitwinkel, der sich bei einem normalen Zoom Objektiv in alle Seiten auswirkt. Heißt ich habe unten und an den Seiten automatisch mehr Bildinhalte, die ich oftmals gar nicht brauche und muss diese später wegschneiden und verliere an Auflösung.

Mit einem T/S Objektiv kann ich das Foto ganz gut bereits bei der Aufnahme gestalten, da ich in die Richtung shifte, wo ich die Bildinhalte brauche, fehlt mir was, mache ich mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Ausschnitten. Das geht natürlich vorwiegend mit dem Stativ ganz gut.

Beispiel

Das linke Bild ist mit einem Tilt Shift Objektiv aufgenommen und das rechte Foto mit rund 12mm (KB).  Man kann denke ich erkennen, dass die Aufnahme mit 12mm deutlich mehr Bildinhalt auch nach unten hat, den man oftmals eher wegschneiden würde.

Fazit

Eigentlich gibt es kein echtes Fazit in dieser Gegenüberstellung, denn jeder muss für sich entscheiden, welche Objektivart besser geeignet ist. Meist wird man beide gern haben wollen, was natürlich eine Budgetfrage ist. Ich selber bin sehr gern mit einem Tilt/Shift Objketiv unterwegs, dass man an einer DSLM wie bereits geschrieben nun auch sehr gut ohne Stativ nutzen kann, da man Hilfsmittel für das manuelle Fokussieren und dei Ausrichtung im Sucher hat.

Zudem gibt es Hersteller, da kann ich kein T/S Objektiv nutzen oder nur mit Einschränkungen. Wenn man den UWW Bereich mit einem Tilt Shift Objektiv nutzen will, bleibt nur die Wahl einer KB Kamera – mir ist zumindest kein spezielles APS-C Objektiv bekannt. Die für Kleinbild ausgelegten Versionen kann man natürlich auch an APS-C nutzen, verliert aber durch den Crop-Faktor Weitwinkel. Da bleibt dann, sofern im Angebot, nur ein normales UWW Objektiv.